Charles Bukowski schrieb zum Tod von Jörg Fauser: “Goodbye Joe, gegen einer LKW kommt keiner an!”
Ich gestehe, das Buch von Jörg Fauser mit dem Titel „Rohstoffe“ sieht jetzt nach dem Lesen fürchterlich aus…. Warum? Das hat so angefangen: Da ich nicht mit dem Kuli in diesem Buch herumkritzeln und schöne Sätze unterstreichen wollte, die ich für die Kolumne verwenden könnte, hab ich einfach mal ein Eselsohr in eine Seite gemacht. So und jetzt wimmelt es nur so von Eselsohren. Komisch, dachte ich doch zu Anfang, als ich das Buch das erste Mal in die Hand genommen habe: „Super, wieder so ein Durchgeknallter, der kettenrauchend, fixend und saufend noch ein paar Zeilen rausgequetscht hat und damit jetzt Kohle machen will. Wer will das wissen und vor allen Dingen: Wen interessiert es, wenn der sich kaputtmacht?“ Und dann das: Eine Seite gelesen und noch eine…
Fausers autobiographischer Held Harry Gelb ist einer, den man locker als Loser bezeichnen würde. Er lebt in besetzten Häusern, mal in Istanbul mit einem anderen Junkie zusammen, er ist Stammgast an den Tresen, an denen die Rente mit schief sitzendem Gebiss die Kehle hinab fließt. Er arbeitet als Wachmann, schleppt Gepäck im Flughafen, arbeitet in einer Bank. Es hat etwas von Rudi Dutschke, wie er sozusagen durch alle Instanzen geht. Er geht der Sache auf den Grund und zwar da, wo der wirkliche Grund ist, der Bodensatz schlechthin. Er ist abhängig vom Unabhängigsein, hält die Welt aus durch ständiges Entfliehen und will sie doch verstehen. Wenn er sich für einen neuen Job vorstellt, dann beschreibt er das so: „Es galt vorzusprechen, meine Existenz zu dokumentieren, einen Eindruck zu hinterlassen, ich wusste nur nicht, welchen.“ Einen starken Eindruck als Schriftsteller, das hinterlässt er auf jeden Fall. Es sind die vielleicht banal, auch abstoßend wirkenden Beschreibungen seines Lebens, auf der einen Seite, auf der anderen die scharf beobachteten Sequenzen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und die Erkenntnis, dass letztendlich jeder versucht, irgendwie glücklich zu werden, keiner aber wirklich das Rezept dafür hat und schon gar nicht das Recht, jemand anderem zu sagen, wie verdammt noch mal dessen Auffassung von Glück oder gar dem Platz in der Gesellschaft auszusehen hat, den man einnehmen soll. Am Ende des Buchs beschreibt er, wie er aus einer Kneipe hinausgeworfen wird, weil er die Zeche nicht bezahlen kann. So traurig die Beschreibung auch sein mag, aber wer lächelt nicht bei diesen Sätzen: „Das war es also, das Pflaster. Es schmeckte nicht schlechter als vieles andere, aber gewöhnen wollte ich mich auch nicht daran. Ich suchte meine Brille, bis ich feststellte, dass ich sie in der Hand hielt. Ich setzte sie auf. Aus der Nähe sah dieses Pflaster interessant aus, es gab sogar einen Riß, der durch den Asphalt lief, und in dem Riß sproß ein Grashalm. Wenn das so ist, dachte ich, kannst du auch aufstehn.“ Tapfer und unkaputtbar, Aufstehen und Weitermachen. Und für uns gilt: Lesen, einfach lesen… mehr kann man nicht dazu sagen.
