25. Januar 2010

Wilhelm Genanzino: Das Glück in glücksfernen Zeiten

Kategorie: Allgemeines — susannakolumna @ 17:48

Wir haben es hier mit einem Grenzgänger zu tun: Gerhard Warlich ist Philosoph, aber um des lieben Mammons willen muss er sich mit schnöden Tätigkeiten beschäftigen wie Wäsche ausfahren und schließlich -  nachdem er sich an der Wäscheleine nach oben gehangelt hat - darauf achten, dass andere sie richtig ausfahren, ohne allzu oft an der Pommesbude zu halten. Das stört ihn aber nicht, er hat noch allerhand Zeit zu philosophieren. Und es sind durchaus abstruse Gedanken, die einem roten Faden gleich das Buch durchziehen. Die Wespe, die sich auf seine Hand setzt, sich in seinen Haaren verfangen könnte, dies in weiser Voraussicht nicht tut, abhebt und gegen die Scheibe fliegt. Diagnose: Das Tier muss - wie er selbst - zu einem Hysteriker des Ichs werden. Und gerne produziert er auch Ereignisse in Gedanken und berauscht sich daran, dass der Kuchenesser schräg gegenüber den Kuchen gestohlen, er selbst ihn dabei beobachtet haben könnte und wiederum selbst beobachtet wird von der Verkäuferin. Kaum zu glauben, aber der Mann wohnt tatsächlich mit einer Frau zusammen, das zwar gleichgültig liebevoll, aber auch nicht ohne einige Holperer. Er leidet darunter, dass “ich mich fortlaufend zu ihr verhalten muss”. Das spitzt sich zu, als ein Kinderwunsch ins Spiel kommt. Seine Lebensgefährtin Traudel kann nicht verstehen, dass er seiner Kleidung beim Zerfallen zuschauen will, dass er diesen Prozess nicht durch den Kauf einer neuen Hose aufhalten möchte. Kurz und gut: Das unhaltbare Leben nennt der traurige Held das, was er erlebt. Lakonisch erzählt Genanzino diese Gesichte, analysierend bis ins kleinste Detail. Ein seltsames, aber auch ein nachdenkliches Buch, auf jeden Fall kein “Einheitsbrei”. Susanna Kolumna

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