Durch den Tod von Miep Gies vor wenigen Tagen erhält das “Tagebuch der Anne Frank” wieder Aktualität. Das heißt, es ist meiner Meinung nach nie aus der Mode gekommen, wenn man das überhaupt als Mode bezeichnen kann; vielmehr ist es immer noch eine dringende Angelegenheit. Es gibt und wird wahrscheinlich immer Faschismus geben, Unterdrückung von Menschen durch Menschen. Ich finde, das Buch sollte in den Schulen als Pflichtlektüre eingeführt werden. Miep Gies nun gehörte ja zu den Helfern, die Anne und ihre Familie über zwei Jahre lang im Hinterhaus eines Hauses in Amsterdam versteckt haben. Miep selbst ist 100 Jahre alt geworden, Anne Frank könnte noch leben. Wenn es einem auch sehr berührt, die Zeilen des intelligenten Teenagers zu lesen und annähernd zu erfahren, was es bedeutet, zu acht in den Untergrund zu gehen und so lange Zeit nie auch nur einmal das Fenster öffnen und das Gesicht in die Sonne halten zu dürfen, geschweige denn, die Enge auszuhalten, so steht Anne natürlich stellvertretend für die vielen, vielen Juden, die von den Nazis umgebracht wurden. Wer in Amsterdam ist, sollte es auf keinen Fall versäumen, das Anne-Frank-Haus zu besuchen. Das Tagebuch endet vier Tage vor der Verhaftung, was danach kommt, das berichten Zeugen, die Anne und ihre Familie im Lager getroffen haben und sich dazu entschlossen, Willy Lindwer davon zu erzählen. Willy Lindwer hat 1988 diese Berichte in “Anne Frank - Die letzten sieben Monate - Augenzeuginnen berichten” zusammengefasst. Trotzdem: Das Tagebuch zu lesen, die Worte der Augenzeuginnen aufzunehmen und deren Schilderung der furchtbaren Leiden in den Lagern, die Augen zu schließen und sich vorzustellen, man erlebe dies selbst: Es reicht nicht. Es bleibt für einen Menschen mit der viel zitierten und hämisch klingenden “Gnade der späten Geburt” unvorstellbar. Susanna Kolumna
14. Januar 2010
Das Tagebuch der Anne Frank
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