27. Januar 2010

Schweine(K)rippe und seine Folgen

Kategorie: Allgemeines, sehen und gesehen werden — admin @ 19:34

Habe gestern im Radio eine schier unglaubliche Geschichte gehört: In der oberschwäbischen Provinz hat ein kleines Museum eine Ausstellung zu Weihnachtskrippen zusammen getragen - eigentlich ja nicht ungewöhnliches zur Weihnachtszeit… Sie haben darüber hinaus aber den “Mut” (was man leider heute sagen muß!) bewiesen, in einem Raum auch “moderne Krippen aus  zu stellen, bei denen sich die Künstler kritisch mit diesem Thema und aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinander gesetzt haben. Und eben eine Schweine(K)rippe!

Eines schönen Tages wurde diese Ausstellung wohl auch von einem Priester der “Pius” - Brüderschaft gesehen - ja, die deren Vertreter zum Teil den Holocaust leugnen und auch ansonsten nicht nur die katholische Kirche ins finstere Mittelalter zurück “bomben” möchten.

Nach seinem Besuch wurde eine beispiellose Kampagne von diesen “Gotteswächtern” angezettelt: Beleidigungen und Bedrohungen gegen den Künstler und die Ausstellungsmacher, der örtliche Pfarrer (ich verkneife mir da ein anderes Wort) wettert Sonntags von seiner Kanzel gegen diese Ausstellung. Unterdessen wurde der Druck (und die Gefahr, das es irgendwelche persönlichen Übergriffe von “Gotteskämpfern” geben könnte), so groß, dass die Ausstellungsleitung diese Krippe aus der Ausstellung nahm.

Das ganze erinnert mich doch ganz stark an die Auseinandersetzung um die islamischen Karikaturen in Dänemark. Auch hier wurde mit den gleichen Argumenten und “Mitteln” gegen Gottesbilder vorgegangen - auch wenn wohl die “Motivation” eine andere war.

Das diese Sekte im letzten Jahr leider wieder unter den Mantel der katholischen Kirche schlüpfen konnte, ohne sich nur im geringsten von Aussagen von Teilen der Führung zu distanzieren, sich auch ansonsten an keine Regeln hält (u.a. weiterhin Berufungen von Priestern) mag ein Problem der katholischen Kirche sein. Sich aber in dieser Art und Weise als “Kulturwächter” auf zu spielen und uns ihr “Kunstverständnis” aufzwingen zu wollen, ist schon eine Frechheit!

Ach ja: was dem ganzen die “Krönung” aufsetzt, ist wohl, dass das beanstandete Werk ja weiterhin zu sehen ist - auch wenn es die Ausstellungsmacher ja aus der Ausstellung verbannt haben: Auf der Seite dieser “Pius - Brüderschaft! Soll hier etwa weiter gezündelt werden - womöglich mit dem Ziel, das Werk öffentlich zu verbrennen?

Aber dass passt ja ganz gut zu den weiteren Aussagen auf deren Seiten im Netz. Nur sie vertreten ein “wahres” Christentum und wer sich dagegen stellt, dem drohen sie mit den ganzen “Werkzeugen” des Mittelalters  inklusive neuer “Kreuzzüge” - und das meinen sie wirklich und ziemlich real. Mag sich der Vatikan mit seinem zurückholen in die kath. Kirche sich selber einen Bärendienst erwiesen haben, hier in Deutschland stellen sie sich gegen unser Grundgesetz.

25. Januar 2010

Wilhelm Genanzino: Das Glück in glücksfernen Zeiten

Kategorie: Allgemeines — susannakolumna @ 17:48

Wir haben es hier mit einem Grenzgänger zu tun: Gerhard Warlich ist Philosoph, aber um des lieben Mammons willen muss er sich mit schnöden Tätigkeiten beschäftigen wie Wäsche ausfahren und schließlich -  nachdem er sich an der Wäscheleine nach oben gehangelt hat - darauf achten, dass andere sie richtig ausfahren, ohne allzu oft an der Pommesbude zu halten. Das stört ihn aber nicht, er hat noch allerhand Zeit zu philosophieren. Und es sind durchaus abstruse Gedanken, die einem roten Faden gleich das Buch durchziehen. Die Wespe, die sich auf seine Hand setzt, sich in seinen Haaren verfangen könnte, dies in weiser Voraussicht nicht tut, abhebt und gegen die Scheibe fliegt. Diagnose: Das Tier muss - wie er selbst - zu einem Hysteriker des Ichs werden. Und gerne produziert er auch Ereignisse in Gedanken und berauscht sich daran, dass der Kuchenesser schräg gegenüber den Kuchen gestohlen, er selbst ihn dabei beobachtet haben könnte und wiederum selbst beobachtet wird von der Verkäuferin. Kaum zu glauben, aber der Mann wohnt tatsächlich mit einer Frau zusammen, das zwar gleichgültig liebevoll, aber auch nicht ohne einige Holperer. Er leidet darunter, dass “ich mich fortlaufend zu ihr verhalten muss”. Das spitzt sich zu, als ein Kinderwunsch ins Spiel kommt. Seine Lebensgefährtin Traudel kann nicht verstehen, dass er seiner Kleidung beim Zerfallen zuschauen will, dass er diesen Prozess nicht durch den Kauf einer neuen Hose aufhalten möchte. Kurz und gut: Das unhaltbare Leben nennt der traurige Held das, was er erlebt. Lakonisch erzählt Genanzino diese Gesichte, analysierend bis ins kleinste Detail. Ein seltsames, aber auch ein nachdenkliches Buch, auf jeden Fall kein “Einheitsbrei”. Susanna Kolumna

14. Januar 2010

Das Tagebuch der Anne Frank

Kategorie: Allgemeines — susannakolumna @ 18:58

Durch den Tod von Miep Gies vor wenigen Tagen erhält das “Tagebuch der Anne Frank” wieder Aktualität. Das heißt, es ist meiner Meinung nach nie aus der Mode gekommen, wenn man das überhaupt als Mode bezeichnen kann; vielmehr ist es immer noch eine dringende Angelegenheit. Es gibt und wird wahrscheinlich immer Faschismus geben, Unterdrückung von Menschen durch Menschen. Ich finde, das Buch sollte in den Schulen als Pflichtlektüre eingeführt werden. Miep Gies nun gehörte ja zu den Helfern, die Anne und ihre Familie über zwei Jahre lang im Hinterhaus eines Hauses in Amsterdam versteckt haben. Miep selbst ist 100 Jahre alt geworden, Anne Frank könnte noch leben. Wenn es einem auch sehr berührt, die Zeilen des intelligenten Teenagers zu lesen und annähernd zu erfahren, was es bedeutet, zu acht in den Untergrund zu gehen und so lange Zeit nie auch nur einmal das Fenster öffnen und das Gesicht in die Sonne halten zu dürfen, geschweige denn, die Enge auszuhalten, so steht Anne natürlich stellvertretend für die vielen, vielen Juden, die von den Nazis umgebracht wurden. Wer in Amsterdam ist, sollte es auf keinen Fall versäumen, das Anne-Frank-Haus zu besuchen. Das Tagebuch endet vier Tage vor der Verhaftung, was danach kommt, das berichten Zeugen, die Anne und ihre Familie im Lager getroffen haben und sich dazu entschlossen, Willy Lindwer davon zu erzählen. Willy Lindwer hat 1988 diese Berichte in “Anne Frank - Die letzten sieben Monate - Augenzeuginnen berichten” zusammengefasst. Trotzdem: Das Tagebuch zu lesen, die Worte der Augenzeuginnen aufzunehmen und deren Schilderung der furchtbaren Leiden in den Lagern, die Augen zu schließen und sich vorzustellen, man erlebe dies selbst: Es reicht nicht. Es bleibt für einen Menschen mit der viel zitierten und hämisch klingenden “Gnade der späten Geburt” unvorstellbar. Susanna Kolumna