28. Juli 2009

Willkommen in der digitalen Welt

Kategorie: Buch & Markt — Tags: , , , – admin @ 23:07

Über ebooks habe ich ja schon mal getippt. Leider hat sich nun schneller als erwartet genau das herausgestellt - womit schon die Musik- und Filmindustrie ganz böse auf die Schnauze gescheitert ist: den digitalen Büchern einen “Kopierschutz” zu verpassen.

Aber der Reihe nach: Amazone verkauft ja unterdessen fleissig digitale Bücher (hauptsächlich in den USA). Unter anderem auch Georg Orwells Klassiker “1984″. Leider hat sich herausgestellt, dass der Anbieter, von dem Amazone das Buch/Datei erhalten haben, nicht im Besitz der entsprechenden Rechte ist - kann ja mal passieren… Und die Besitzer haben natürlich Amazone wegen Verletzung des Copyrights angezeigt. Also hat Amazone flugs die Daten aus der Datenbank gelöscht. und gleich noch da alles schön mit DRM versiegelt war, natürlich auch schon ALLE bisher gekauften Bücher von 1984 (schon schön ironisch bei dem Titel!!!). Wer also sich das Buch herunter geladen hatte und es am nächsten Morgen weiter lesen wollte - hoppla - nicht mehr da! Inklusive aller vielleicht hinzu gefügten Notizen und Lesezeichen (was ja als grosser Schrott ähh Vorteil beworben wird!) - Dafür gabs dann per Post einen Gutschein! - TOLL

Als ob je ein Verlag auf die Idee gekommen wäre, vom Käufer die Bücher wegen irgend welcher “Rechtsstreitigkeiten” zurück zu verlangen? Und womöglich dafür dann auch noch bei ihm in die Wohnung ein zu brechen?

Hätten ja einfach mal nachfragen können, wie man es nicht macht - zB. die Musikindustrie, die wohl unterdessen eingesehen hat, dass sich CDs nun mal ganz schlecht verkaufen lassen, wenn man da soviel “Schutz” draufbastelt, dass sich die Scheiben in fast keinem Player mehr abspielen lassen. Und dass man mindestens soviel Geld einnimmt, wenn KEIN Kopierschutz (DRM) auf den Songs zum runter laden ist - weil viele Bands ihre Stücke eh selber frei ins Netz gestellt haben…

Naja, die Presseverlage haben da schon bessere Ideen - ihr schrumpfenden Auflagen ein wenig zu “vergolden”: Sie wollen ähnlich wie bei Fotokopieren für jeden PC ein bisschen Geld - dafür bleiben dann ihre Angebote im Netz weiterhin “kostenlos” und dürfen weiterhin nicht kopiert zitiert werden (schlägt der Springer Konzern vor - als ob BLÖD ein wichtiges Informationsmedium im Internet wäre - masslose Selbstüberschätzung bzw. das internet nicht verstanden…)

15. Juni 2009

Lesung Jörg Fauser

Kategorie: Buch & Markt — Tags: , , – admin @ 19:31

Liebe Leseladen Freunde,

Am 18. Juni 09 besucht der Verleger Alexander Wewerka vom Alexander-Verlag um 19.30 Uhr Leseladen!

Wir wollen mit dieser neuen Reihe besonders kleine und innovative Verlage aus Deutschland und Europa einem interessiertem Publikum vorstellen. Der Alexander Verlag aus Berlin hat sich mit der Herausgabe von Theater- und Filmliteratur in den letzten 25 Jahren einen Namen ge- macht. In den Theater- und Filmbüchern sollen die Theater- und Filmkünstler in der Regel direkt zu Wort kommen. So erschienen u.a. eine Reihe von Werkstatt- gespräche mit Künstlern wie Peter Zadek oder Robert Wilson.

Daneben gibt der Verlag seit 2002 eine Krimireihe heraus. Seit 2004 erscheint in einer neunbändigen Ausgabe eine Gesamtedition von Jörg Fauser (1944 - 1987), die in diesem Jahr abgeschlossen wurde. Dieser viel zu früh verstorbene Schriftsteller hat wie kaum ein anderer die

bundesrepublikanische Nachkriegsgeschichte beschrieben. Der fast vergessene  Autor und später auch Redakteur, der für die Basler Zeitung, tip-Magazin, Stern, Spiegel, Transatlantik, oder Lui arbeitete, wird mit dieser umfassen- den und großartig ausgestatteten Edition gewürdigt. Neben seinen grossen Romanen “Rohstoff” und “Schneemann”, den Gedichten, Erzählungen und Essays hat er unter anderem auch für Achim Reichel Songtexte geschrieben.

“Ich bin kein netter Mensch, sondern Schriftsteller, einer der Dunkelmänner also, die beim ältesten Verfassungs- schutz der Welt angestellt sind - beim Verfassungsschutz für Sprache und Zweifel“ - Jörg Fauser über sich selbst.

Der „Dunkelmann“ Fauser, „Tourist im eigenen Leben“ (Alexander Wewerka), entzog sich bereits zu Leb- zeiten allen Schubladen, in die er gleichwohl immer wieder hinein gesteckt wurde. So wird man ihm weder mit dem Begriff des “deutschen Bukowskis” gerecht, noch ließ er sich von irgendwelchen Gruppen instrumentalisieren. Dieses ganz Nah am Geschehen sein und andererseits sein unge- trübter distanzierter Blick macht sein Werk zu einem Spiegelbild dieser durch die Wiedervereinigung verloren gegangenen Zeit der Bonner Republik.

»Ein deutscher Kriminalroman mit Schmiß und Witz, also eine Rarität. Fauser erzählt die Verlierergeschichte mit gekonntem Einsatz einschlägiger, oft irrwitzig überdrehter Krimi-Klischees. Er belastet sie nicht mit sozialkritischem Bierernst, wohl aber würzt er die Story mit beeindruckender, ironisch gefilterter Orts-, Milieu- und Branchenkenntnis – ob da Kölner Bahnhofsambiente, Münchner Schickeria oder Frankfurter Underground skizziert werden, “Macher in Halbseide” oder ein alter Vertreter, der in Fußgängerzonen niederrheinischer Kleinstädte “obskure Waschmittel” feilbietet, die “seit 57 Jahren einen aussichtslosen Kampf gegen Henkel führten”. Fauser weist sich als ein Kenner deutscher Wirklichkeiten aus.«

Der Spiegel

Jörg Fauser, der kraftvollste deutsche Autor seiner Generation, wird mit dieser Neuauflage sicher wieder in aller Munde sein.

Der Verleger Alexander Wewerka stellt das Werk von Jörg Fauser in einem Filmporträt und im Gespräch vor. Neben dem Werk von Jörg Fauser wird auch die Produktion und ihre Schwierigkeiten dieses Projektes zur Sprache kommen - sozusagen der Blick von der anderen Seite auf den Buchhandel.

Die Veranstaltung ist übrigens kostenlos.

Weitere Infos gibt es unter:

http://www.jörg-fauser.de/

http://www.alexander-verlag.com/literatur.html

zum lesen zu empehlen:

Fauser, Jörg Rohstoff

Roman. Herausgegeben von Alexander Wewerka


327 Seiten, Alexander Verlag Berlin - Auflage 2008, mit Schutzumschlag. Jörg-Fauser-Edition Band II.

Mit einem Nachwort von Benjamin von Stuckrad-Barre, einem Gespräch mit der Lektorin Hanna Siehr und einem Gespräch zwischen Jörg Fauser und Hellmuth Karasek

ISBN: 978-3-89581-114-2                       19.90 €

26. Mai 2009

Kolumne von Susanna Kolumna

Kategorie: Buch & Markt, Kolumna — Tags: , – admin @ 17:58

Heute über „Mängelexemplar“ von Sarah Kuttner:

Karo ist klug, sie ist sensibel, sie macht sich Gedanken über sich und ihre Umwelt. Vielleicht schwirrt ihr deshalb der Kopf. Weil sie zwar ganz genau ihre Umgebung wahrnimmt und viel Empathie an den Tag legt, aber ihre Fühler doch mehr nach außen als nach innen tasten. Gespräche über das Seelenheil sind wie eine Zeitschleife. Sie sind unendlich – stellt die moderne junge Frau nämlich auch noch fest, als sie sich in der Krise ihres Lebens und damit beim Seelendoktor befindet. Leider findet sie auch heraus: Die Psyche ist so viel komplizierter als eine schöne glatte Fraktur des Schädels. Aber das merkt man wahrscheinlich erst, wenn man sich haltlos fühlt und damit nicht genau weiß, ob man nicht nur haltlos, sondern auch noch verloren ist. Denn bei Karo bricht mit einem Mal alles Mögliche um sie herum zusammen: Sie verliert ihren Job, ihre Beziehung erweist sich ebenfalls als unhaltbar. Dafür bekommt sie etwas anderes: Angst- und Panikattacken. Genau darüber schreibt die Moderatorin Sarah Kuttner, die wahrscheinlich das gleiche Problem hat wie alle aufgeweckten, modernen und selbstständigen Frauen: Man denkt, die sind so tough, die können doch so etwas nicht. Und können schon gar nicht drüber schreiben. Doch, können sie. Sarah Kuttner muss man zugestehen, dass ihr Debütroman gleich richtig gut geworden ist. Er ist ernster als vermutet, bringt dennoch zum Schmunzeln und ist so schön ungeschminkt. Karo übersteht zwar die Krise ihres Lebens, aber es ist harte Arbeit, die nie aufhört. Das wiederum kann mit Sicherheit nur jemand nachvollziehen, der weiß, wie es ist, im wahrsten Sinn des Wortes vor Angst gelähmt zu sein. Eine Angst, die man manchmal nicht mal richtig begründen und damit bekämpfen kann. Andere werden auch gar nicht erst zum Buch greifen. Mehr oder weniger ist ja jeder ein Mängelexemplar, schließlich heißt es nicht umsonst: nobody is perfect. Das Mängelexemplar Karo lernt, sich nicht erst wahrzunehmen und zu spüren, wenn es schon fast zu spät und die Angst oder Panik übermächtig ist. Das heißt nicht, dass es zum Hobby eines jeden Menschen werden sollte, 24 Stunden am Tag Nabelschau zu betreiben. Aber ein gutes Bauchgefühl ist schon wichtig, um nicht in die Lage zu kommen, dass man auf einmal keinen Boden mehr unter den Füßen spürt.

19. Mai 2009

Kolumne von Susanna Kolumna

Kategorie: Kolumna — Tags: , – admin @ 18:29

„Albenstein“ von Uwe Zenske

Es sind viele (schöne und detailverliebt beschriebene) Bruchstücke, die Uwe Zenske dem Leser hinwirft. Diesem bleibt es überlassen, aus den vielen Puzzlestücken ein Bild zu formen oder sie einfach unreflektiert liegen zu lassen und sich an den vielen bunten Stücken zu erfreuen. Es sind viele Themen, die Uwe Zenske berührt: die Bindung an ein Haus, der Umgang mit familiärer Schuld, frühe Kindheitserlebnisse, ein unbekannter Vater, ein unvollendetes Buch, eine Ehefrau, die die Hauptfigur – den Kunsthistoriker Maxim – verlässt und ihm dann ihren Liebhaber auf den Hals jagt. Dieser ist ein Hehler und Erpresser, der unter den Augen von Maxim – von einer Fehde mit einem angestochen – stirbt. Maxim „entsorgt“ ihn, bevor er aufbricht, um sein Erbe anzutreten: ein überschuldetes Weingut, im Süden gelegen, ein Ansitz mit dem Namen Albenstein. Dort sieht sich Maxim umrundet von einer zufälligen Friedhofsbekanntschaft und einem (dem Berufsbild entsprechend) aufdringlichen Kommissar. Dann wären da noch Charly und Bruno, die davon überzeugt sind, dass die Spur eines vor 30 Jahren verschwundenen Verwandten nach Albenstein führt. Wie gesagt: Wer es liebt, ein höchst verwirrende Puzzlestücke in seinem Kopf zusammenzusetzen, einen Krimi zu lesen, der irgendwie auch ein Roman und eine Familiengeschichte ist, der liegt mit diesem Buch richtig. Wer das Geradlinige bevorzugt, sollte es lassen.

Klappe, die erste: Kolumne von Susanna Kolumna:

Kategorie: Kolumna — Tags: , – admin @ 18:22

James Canon: Der Tag, an dem die Männer verschwanden - Ullstein

Der Untertitel lautet: Chronik eines fabelhaften Friedens

Wer Gabriel Garcia-Marquez liebt, der wird auch dieses Buch lieben. James Canon steht dem großen Meister im fabelhaften Fabulieren und Spinnen von Geschichten in nichts nach. Es ist ein Wechselbad der Gefühle, denn die große Erzählkunst, mit der der Autor den Leser mit seinem Erstlingsroman vollkommen in den Bann zieht, täuscht nicht darüber hinweg, dass das Thema selbst ein äußerst grausames und blutiges ist. Die Geschichte spielt in Kolumbien, in einem kleinen Dorf mit dem Namen Mariquita, in das erneut Guerilla-Kämpfer eingefallen sind, um sich Nachwuchskämpfer zu holen oder diejenigen, die durch das Raster fallen, gleich an Ort und Stelle zu meucheln. Die Frauen sind entsetzt, mit einem Schlag mannlos und versinken zunächst in teilnahmsloser Trauer. Doch wozu braucht man Männer tatsächlich? Sie machen nur Unordnung, trinken und besuchen Huren. Und so richten sich die Frauen in Mariquita ein, Bürgermeisterin Rosalba übernimmt resolut das Ruder. Wäre nicht das Thema mit der leidigen Fortpflanzung und die eine oder andere Sehnsucht nach einer männlichen Schulter… es könnte wunderbar sein. Die ersten Versuche, für die nächste Generation zu sorgen, scheitern an der Unfruchtbarkeit des als Deckhengst missbrauchten Pfarrers (was ihm selbst in dem einen oder anderen Fall mehr Lust beschert, als einem katholischen Pfarrer zustehen mag). Es geschehen merkwürdige Dinge, Fakt ist, dass sogar die Zeit stehen bleibt, nachdem der Pfaffe mit Schimpf und Schande aus dem Dorf gejagt wurde. Bürgermeisterin Rosalba, die in tiefe Depression fällt, erkennt, dass es so nicht weitergehen kann. Schließlich wird aus dem Ort Mariquita eine sozialistische Kommune, mit einer eigenen, natürlich weiblichen Zeitrechnung. Die Frauen bewegen sich im Rhythmus der Natur, es bilden sich Liebespärchen… Eigentlich könnte das Buch jetzt mit Friede, Freude, Eierkuchen abschließen, aber ohne Männer dreht sich die Welt offenbar doch nicht ganz. Erst taucht ein Journalist auf, dann kommen tatsächlich tot geglaubte Ehemänner und Söhne zurück. Wie das so ist mit den Mucki-Männern: Sie wollen natürlich umgehend die Macht zurück und die Frauen am liebsten auf den Knien sehen. Doch umgekehrt müssen auch die Männer erkennen, dass sich die Welt nicht ohne die Frauen dreht und sie nicht mit dem Kopf durch die Wand gehen können. Das Ende vom Lied? Die alte Ordnung (der Natur) ist wieder hergestellt und das erste Baby kräht auch bald fröhlich in der Wiege…. Ein augenzwinkernder Roman der Emanzipation, der aber nicht ins gegenseitige Abschlachten mündet und auch nicht weismachen will, dass Männlein ohne Weiblein kann oder umgekehrt. Reicht euch die Hände, das Leben kann so schön sein.

Kolumne von Susanna Kolumna

Kategorie: Kolumna — Tags: , – admin @ 18:20

Wie Hui: Shanghai Baby - Ullstein-Taschenbuch

In der Tat: Das Buch ist – wie angekündigt – ein erotischer Untergrund-Roman. Es ist aber keineswegs so, dass ständig und auf jeder Seite die Lebenssäfte fließen und eine Aneinanderreihung von sexuellen Handlungen stattfindet. Die Schriftstellerin Coco beschreibt ihr Leben in Shanghai, ihre Gedanken über das, was in dieser tumultartigen Stadt vor sich geht. Sie lebt mit ihrer großen Liebe Tiantian zusammen, der diese Liebe zwar erwidern kann, aber mehr auf der geistigen als auf der körperlichen Ebene. Der Geist will gefüttert sein, der Körper hat aber auch Bedürfnisse und so kommt es, wie es kommen muss. Die körperliche Liebe erlebt Coco bei dem Deutschen Mark. Zunächst befremdlich wirkend, entwickelt das Buch einen eigenen Zauber, man taucht in eine andere Welt ein, kann jedoch gut nachvollziehen, was Coco erlebt… Das Schönste daran: Dass es kein Happy End gibt. Denn das ist ja schließlich den Hollywood-Helden im Kino vorbehalten.

Kolumne von Susanna Kolumna

Kategorie: Kolumna — Tags: , – admin @ 18:14

Kirsten Fuchs: Heile, heile (rowohlt Berlin)

Heile, heile, das möchte man Rebekka am liebsten sagen und dabei ihre Fingerchen pusten. Die hat sich die Reiseverkehrsfrau im gleichnamigen Roman „Heile, heile“ von Kirsten Fuchs ganz schön verbrannt. Und zwar an Adrian. So heißt der Mann, von dem sie glaubt, dass er ihre große Liebe ist. (Stellt sich dann im Lauf des Romans heraus, dass der Glaube auch Berge versetzen kann.) Nun ja, man fragt sich natürlich schon, wieso Rebekka fremdgeht, wenn doch alles so toll ist mit Adrian. Ist sie aber. Und blöd wie sie ist (der Kenner schweigt und genießt; außerdem ist doch bekannt, dass ein One-Night-Stand noch lange keine Beziehung kippen kann), beichtet sie Adrian den Ausrutscher. Logisch, dass der nichts mehr wissen will von Rebekka. Nicht mal annähernd. Kirsten Fuchs, die mit „Heile, heile“ ihren zweiten Roman vorlegt, hat zwar unbestreitbar Sprachwitz. Zum Beispiel: „Wenn Johanna zu gute Laune hatte, dann war sie sensibel wie ein billiger Radiergummi, der beim Radieren das Papier zerfetzt.“ Oder die Idee, sich eine Gruppe „Männerentzug“ auszudenken, in der natürlich Dinge passieren wie Kartenspielen, bei dem man aufgeben lernen soll, weil das Spiel so angelegt ist, dass es nicht funktionieren kann. Im Prinzip aber denkt man beim Lesen die ganze Zeit: Mein Gott, so hab ich mich hoffentlich noch nie angestellt. Muss die denn die ganze Zeit über ihren blöden Adrian reden? War ich auch schon so? Denn jeder, Hand aufs Herz, kennt Liebeskummer. Es ist aber einfach etwas „Gähn“ und auch langweilig geschrieben, wie Rebekka dieses Tief erlebt. Kaum etwas, wo man lacht, weil man sich wieder erkennt und deshalb grinsen muss, weil man sich selbst auf die Schippe genommen fühlt und zwar auf eine nette, witzige Art. Das macht es auch nicht besser, dass die Autorin noch eine krebskranke Freundin namens Jette auf den Plan ruft, die sich tapfer die Glatze von der kleinen Tochter anmalen lässt, dann aber doch den Kampf verliert. Das ganze Buch ist der etwas holprige Versuch, zu erklären, dass richtig Erwachsenwerden weh tut. Ja, und?

Kolumne von Susanna Kolumna

Kategorie: Kolumna — Tags: , , – admin @ 18:11

Heute im Angebot: „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche

Zimperlich darf man nicht sein und schon gar nicht: prüde. Selbst wenn diese Grundvoraussetzungen stimmen, um das Buch von Charlotte Roche zu lesen und sich in ihre Feuchtgebiete zu begeben, zieht man unwillkürlich an manchen Stellen die Luft durch die Zähne und schaut vermutlich aus, als ob man gerade in eine Zitrone gebissen hätte. Die äußerst Mitfühlenden sinken schmerzverzerrt in sich zusammen. Oder man ist so hartgesotten, um solche Stellen auszuhalten, wie diese, als Helen Memel (die äußerst freizügige Heldin des Romans) sich ihre gerade verheilenden rosenkohlartigen Hämorrhoiden aus freien Stücken noch mal gewaltsam an ihrem Krankenhausbett aufreißt, um länger in dieser Einrichtung bleiben zu können – weil sie dabei ist, sich in den Krankenpfleger zu verlieben und weil sie hofft, dass ihre getrennt lebenden Eltern in gemeinsamer Sorge um die Tochter am Krankenbett wieder zueinander finden. Trocken schlucken ist außerdem angesagt an der Stelle, als Helen beschreibt, dass sie eine Anti-Hygienikerin ist; im Gegenteil versucht, so viel Kontakt zu Bakterien wie möglich zu bekommen – unter anderem, indem sie ihre „Feuchtgebiete“ alles aufsaugen lässt, was eine öffentliche Toiletten-Brille so hergibt. Brrrr. Igitt!!!!! Ansonsten aber hat der wie gesagt Unerschrockene viel Spaß mit dem Buch. Ist schon herrlich frei von der Leber weg geschrieben, kein Blatt vor den Mund genommen und das Feigenblatt vor den Geschlechtsteilen wird auch gleich entfernt. Auf das „Poloch“ bekommt man sowieso freie Sicht; das lässt sich Helen nämlich fotografieren, weil sie sehen will, was der Arzt sieht. Na denn: Lesen bis der Arzt kommt. Weil man sich nämlich fast schlapp lacht. Eine Frage bleibt allerdings offen: Ist die Autorin Charlotte Roche im richtigen Leben auch so? Hat sie das schon selbst erlebt und wenn ja: Was?

Kolumne von Susanna Kolumna

Kategorie: Kolumna — Tags: , – admin @ 18:08

„Der kleine Bruder“ von Sven Regener

Herr Lehmann muss man einfach mögen, sowieso, wenn man den gleichnamigen Film kennt. Es hat schon einen eigenen Charme, wie Frank Lehmann seltsam orientierungslos durchs Leben peilt. Allerdings mit einem sehr guten Beobachtungssinn und wachen Verstand. Wenn dieser Verstand auch seltsame Erkenntnisse zutage fördert wie beispielsweise, dass es nicht gut ist, morgens schon mit der Mutter zu telefonieren. Dann steht der ganze Tag unter keinem guten Stern… Schwachsinn oder Realsatire.
Was Frank Lehmann genau mit seinem Leben anstellen will, das weiß er auch nicht. Er wartet eigentlich ständig drauf, dass was passiert. Und geht einfach mal mit einer beneidenswerten Naivität in eine x-beliebige Richtung los. Immerhin weiß er, was er nicht will. Bricht den Wehrdienst ab, indem er den psychisch Kranken simuliert und dann ist irgendwie Zuhause auch kein Platz mehr für ihn. Tja, was macht man in solch einem Fall? Man sucht erst mal den großen Bruder auf. Der wohnt in Berlin, also tuckert Frank Lehmann von Bremen aus in die Großstadt, direkt dorthin, wo die Mauerblümchen wachsen. Er gerät mitten in ein Viertel von besetzten oder nur scheinbesetzten Häusern, Punks, die sich mit Künstlern kloppen und jeder Menge Gestalten, die sich durchs Leben schlängeln, Lebenskünstler allesamt. Alles vorhanden, nur der große Bruder nicht und irgendwie weiß Frank jetzt nicht, ob der eine große Nummer im Kunstgeschäft ist oder nicht und was er überhaupt macht. Das löst sich am Ende des Buches auf; mir nichts, dir nichts ist aus Frank Lehmann dann ein Berliner geworden, denn irgendwie gehen ihm schließlich die Touris ganz schön auf die Nerven.
Der kleine Bruder liegt komischerweise genau in der Mitte zwischen „Neue Vahr Süd“ und „Herr Lehmann“. Von der Chronologie, aber auch vom Inhalt. Aber es lohnt sich. Allein schon wegen der Beschreibung der Telefonate, die Frank mit seiner Mutter führt. Und wegen der Bauernschläue, mit der er den vermeintlich ach so schlauen und gewieften Berlinern zeigt, wo der Bartel den Most holt.

Kolumna: pizzazwerge

Kategorie: Kolumna — Tags: , – admin @ 17:59

Quietschende Meerschweinchen werden verheizt, Pizzazwerge mit roten Paprikahüten verzehrt, dazu gibt es ein Brombier: Der Pforzheimer Lino Wirag muss eine blühende Phantasie haben – und wilde Träume. Nicht nur das. Sein überaus hübsches Buch in Taschenbuchformat, das der conradverlag herausgebracht hat, ist eines der wenigen Bücher, das – kaum erstanden – schon im nächsten Café vorgelesen wird. Mit Verwunderung in der Stimme ob der unglaublichen Wortspiele, springenden Gedanken. Und der Zeigefinger des Vorlesers spielt auch eine wichtige Rolle, da er immer wieder auf wunderbare Zeichnungen zeigen muss. Das kleine Buch braucht nur wenige Sätze, um einen festen Platz im Leseratten-Herzen zu erobern. Freilich muss dieses auch einiges aushalten, wie gesagt, die Meerschweinchen, aber auch ein Hitlerkopf, der auf einem attraktiven Frauenkörper thront oder ein Mädchen, das sich nach seinem Tod ausstopfen lassen will. Oder Gottes Arsch, der alles kann und die wunderbarsten Dinge hervorbringt (Wer hat eigentlich Gott gemacht?) sind nichts für allzu zart besaitete Gemüter. Bisschen „Punk´s not dead“, bisschen „mir kann keiner und ich nehm auch nichts ernst“. Besonders schön auch eine der vielen kurzen Geschichten: Der Paartherapeut, der dem Paar rät, sich gegenseitig mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Zum Beispiel mit Hilfe von Miet-Demonstranten, die Schilder tragen, auf denen sich das Paar in schönen Worten gegenseitig die Verbundenheit darlegt. Das könnte teuer werden, also lieber sofort Zuneigung zeigen. Der Therapeut streicht der Gattin ebenfalls durchs Haar, er schnuppert nach, wo der Ehemann schnuppert. Dem wird das alles zu viel. Dann doch lieber Miet-Demonstranten…